Don’t Let the Font Scare You (Teil 1)

Ein Horrorfilmvorspann oder Horrorplakat ist so klischeebehaftet, dass sich meist jeder die kennzeichnenden Bilder vergegenwärtigen kann. Sogar in einer turbulenten Diskussion, in der den Beteiligten der Name eines Films nicht einfallen will, ensteht vor dem inneren Auge ide reißerische Headline des Plakats oder des Vorspanns. Ob vor dem Kinoplakat oder im Saal: Die Typographie zum Horrorfilm wirkt wie ein kognitives Programmheft. Das Sehen beginnt schon beim Lesen. So markiert die Typographie im Vorspann nicht nur in den ersten Minuten einen Film als Horrorfilm, sie kann auch andeuten, was uns in den nächsten Stunden alles erwarten wird. Ein Filmtitel fasst einen Film auch auf der Erfahrungsebene zusammen und steht im Gegensatz zu Titeln anderer Medien nicht über oder am Rande des Mediums, sondern wird zu einem Teil davon. Er ist das erste Versprechen, dass wir hier keine Zeit verschwenden. Besonders das Horrorgenre macht sich in seiner typographischen Ausgestaltung Genrekonventionen  insofern zunutze, als dass der Titel selbst ein Bildelement des Plakats wird.

Die Schrift befreit sich von typografischen Regeln und dem geometrischen Charakter und wird in einem Ausmaß illustrativ, dass sie ohne Probleme Stimmungen vermitteln kann. Zweifellos gewinnt sie dadurch eine Wesensart, die über ihren ursprünglichen Zweck hinausgeht. Ob man ihr deswegen Qualität zu- oder absprechen sollte, hängt sicherlich vom Geschmack des Einzelnen ab.

Natürlich ist Horror nicht das einzige Genre, das sich einer bestimmten Formensprache bedient. Western und Science-Fiction-Filme oder auch manche Krimis weisen einen immer wiederkehrenden Schrifttypus in ihrem Titelmotiv auf.

Im Horrorgenre zeigt sich jedoch eine augenfälligere Gestaltungsvielfalt. Im Gegensatz zu anderen Filmzweigen gelang es dem Horrorfilm, sich flächendeckend und in vielfältiger Weise auszubreiten. Kein anderes Genre weist eine ähnlich lang andauernde Produktion von unterschiedlichen Qualitäts- und Kommerzstufen auf wie das Horrorgenre. Mainstream- und Hollywood-Horror halten sich mit Low-Budged- und Independent-Filmen quantitativ und qualitativ die Waage. Horror lebt von den Fans und deren Ideen. Viele Anhänger werden zu Machern, die unabhängig vom verfügbaren Budget mit ihren Filmen zur Entwicklung des Genres beitragen. Nur im Pornobereich ist eine ähnliche Welle an Amateurkultur vorhanden.

Zusätzlich ist das Gelingen eines Horrorfilms immer davon abhängig, wie modern er ist. Horrorfilme laufen schneller als andere Genrefilme Gefahr, altmodisch zu wirken. Boris Karloffs Interpretation des Frankenstein-Monsters oder die gefeierte Duschszene in „Psycho“ können heute nicht mehr im demselben Maße schockieren wie zu ihrer Zeit. Neben Remakes, Spin-offs oder Fortsetzungen alter Kassenschlager versucht der Horrorfilm deshalb, sich immer wieder neu zu erfinden.

Dieser überlebensnotwendige Drang zur Erneuerung und die vielen verschiedenen Einflüsse in den unterschiedlichen Qualitätsstufen führen dazu, dass es keine genretypische und vorgeschriebene Schriftart gibt.

 

Anderen Filmgenres fällt es leichter, sich einer bestimmten Formensprache anzupassen. So fällt einem der nachweislich am häufigsten verwendete Fontname des Science-Fiction Genre schnell ein: Eurostyle. Darauf aufbauend verlaufen die Fonts auf Science-Fiction Plakaten nach diesem Duktus: sehr „expanded“ im Schnitt, grotesk und mit einer vergrößerten Laufweite. Dies ist die träumerische Darstellung einer Zukunftsschrift! Historischer gestaltet ist die Schrift des Westernmovie. Sie zeichnet sich durch stark vergrößerte Serifen an Egyptien Schriften (Italienne), manchmal mit Highlights, manchmal mit einem Anklang von „old-english“ aus. Die erzählerische Begrenztheit dieser Genres spiegelt sich in der Gestaltung ihrer Titel wider. Dagegen kann das Horrorgenre, mit seinem lebenserhaltenden Impuls ständig neu zu Schocken, sich diese Begrenztheit nicht leisten. Folglich wird der Horrorfilm zum Hybrid zwischen den unterschiedlichen Genrefilmen. Aus diesem Grund ist die Filmtypografie, die mit Inhalt und Optik eines Films harmonisieren muss, im Horrorgenre in ihrer Wandelbarkeit gleichzustellen mit der Vielfältigkeit des Horrorgenres an sich.

 

 

(Teil 2 kommt nächste Woche)

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